Endlich rund: „Der Schlüssel“ …

Der folgende Text ist circa 14 Jahre alt und stammt aus Sabine Mauz‘ erstem Werk: Endlich rund oder: Die Geburt eines Clowns. Es handelt sich dabei um eine Sammlung früherer Kurzgeschichten, aus der Zeit, als sie noch nicht eintagsfliegen hießen …

Der Schlüssel

Vor einigen Jahren wagte ein Freund ein Spiel mit mir. Es entstand aus der Übermütigkeit eines Betrunkenen heraus und endete in einer Ernsthaftigkeit, die er sich in dem Moment, in dem er es begann, mit Sicherheit nicht vorstellen konnte:

Wir waren in der Altstadt und feierten den Geburtstag eines gemeinsamen Freundes. Es war ein fröhlicher Abend. Wir tranken viel, blödelten herum und genossen die Zeit, die wir gemeinsam verbrachten. Irgendwann wurde es einem von uns zu langweilig. Er kam auf die Idee, mir einen Streich zu spielen und mir meinen Wohnungsschlüssel aus der Tasche zu klauen. Wie er mir später erklärte, wollte er mich endlich mal wütend erleben.

Ich merkte den ganzen Abend nicht, dass der Schlüssel weg war. Der nüchterne Fahrer gab mir zwar den Tipp, mal danach zu sehen, aber ich hörte ihm nicht zu. Selbst als mir der Dieb zum Abschied erklärte, er würde diese Nacht bei mir in der Wohnung schlafen, nahm ich ihn nicht ernst.

Erst als wir vor der Türe standen und mich der Fahrer fragte, ob ich meinen Schlüssel wieder habe und ich in meine Tasche schaute, wurde mir klar, dass er tatsächlich verschwunden war. Ich war schockiert: Niemals hätte ich mir träumen lassen, dass ein Freund ohne meine Erlaubnis in meine Wohnung eindringen würde. Ich fragte mich, was er dort machen, ob er meine Tagebücher lesen würde und war zutiefst enttäuscht darüber, dass er sich auf diese Weise mein Vertrauen erschlichen hatte.

Ich war so verstört von dieser Erkenntnis, dass ich nicht klingelte, sondern lieber mit in die Wohnung meines Fahrers fuhr und dort übernachtete. Am nächsten Morgen ging ich erst mal an die Uni, um meine Vorlesungen wahrzunehmen. Ich war total übermüdet, hatte weder Zähne geputzt, noch meine Klamotten gewechselt, aber die Kurse waren wichtig. Ich wollte sie nicht verpassen.

Im Laufe des Vormittages hakte ich per SMS bei dem Dieb nach und fragte, was mit meinem Schlüssel sei. Er antwortete mir, dass er arbeiten müsse, ich ihn aber gerne bei ihm abholen könne. Das war der Punkt, an dem ich wirklich wütend wurde. Ich verfluchte ihn für seine Dreistigkeit: Wie konnte er es wagen, mich nach dieser Aktion durch die halbe Stadt zu jagen, um mein Eigentum abzuholen?! Wäre er in dem Moment neben mir aufgetaucht, wäre ich ihm an die Gurgel gesprungen.

Sein Glück war, dass eine Stunde Straßenbahnfahrt und mehrere verzweifelte „Wo – bin – ich – hier – eigentlich?“ – Anrufe bei ihm zwischen uns lagen. Am Ende versuchte ich zwar noch, ihm böse zu sein, aber als er mich am Empfang seiner Firma abholte, konnte ich nur noch lachen: Sein dämliches, schuldbewusstes Gesicht sah einfach zu komisch aus …