Endlich rund: „Die Taube“

Sie war schon mal online, als Teil von Frau Mauz‘ Programm. Da dieses hier nun nicht mehr einsehbar ist, gibt es wenigstens wieder die Geschichte aus Sabine Mauz‘ Erstlingswerk: Endlich rund …

April 2010

Die Taube

Mistvieh!“, „Abschaum!“, „Kusch!“, „Igitt!“, „Verschwinde!“ – ich habe viele Namen, die sich in ihrer Abscheulichkeit übertreffen, suchen Sie sich einen aus. Ich höre auf alle.

Es gibt Gerüchte, dass es irgendwann anders war: Besser, schöner. Damals bekamen wir noch Aufgaben von den Menschen und wurden von ihnen geschätzt, aber das ist lange her. Viel zu lange, als dass sich eine von uns daran erinnern könnte, jetzt wollen uns nur noch alle loswerden.

Neulich belauschte ich das Gespräch zweier Menschen. Ich tat so, als wäre ich auf Nahrungssuche, deshalb beachteten sie mich nicht. Ich weiß nicht mehr genau, worum es ging, aber das ist auch nicht wichtig. Das einzige, was für mich dabei zählte war ein Wort, das sie benutzten: Friedenstaube. Seit ich es gehört habe, geht es mir nicht mehr aus dem Kopf. Es klingt wunderschön …

Seit ich fliegen kann, bin ich auf der Suche nach einer Aufgabe. Ich meine, eine richtige, nicht allein die, zu überleben. Diese nimmt zwar viel Zeit in Anspruch, aber erfüllen kann sie mich nicht. Was nützt es zu leben, wenn dieses keinen Sinn macht?! So sehe ich das jedenfalls. Die anderen Tauben, mit denen ich darüber gesprochen habe, schauten mich verständnislos an. Sie waren auf der Jagd nach dem leckersten Imbiss des Tages, weiter reichte ihre Planung nicht.
Wohlgemerkt: Die meisten, nicht alle. Es gab ein paar Ältere unserer Art, die sich meine Überlegungen aufmerksam anhörten. Sie blinkten mit den Augen, gurrten aufgeregt und nickten mit ihren Köpfen. Und ich freute mich, weil ich jemanden gefunden hatte, der mich verstand. Aber es endete immer gleich: Sie wollten von mir die Lösung des Problems. Wenn ich eingestand, dass ich sie nicht kannte, sanken sie in sich zusammen. Das einzige, was sie danach sagten war: „Viel Glück bei der Suche! Komm wieder, wenn du die Antwort kennst.“
Ich versprach es, weil es mir leid tat, sie so gebrochen zu sehen. Es war das einzige, was ich für sie tun konnte.

In den letzten Monaten hatte ich auch bei mir Anzeichen dafür bemerkt, dass ich die Hoffnung verlor. Ich wurde immer lustloser, futterte alles in mich hinein und suchte nur noch halbherzig.
Aber jetzt, da ich von der Friedenstaube gehört habe, verspüre ich neuen Mut. Ich weiß zwar nicht, was genau ihre Aufgabe ist, aber das werde ich herausfinden. Hauptsache, ich habe ein Ziel …

 

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