Eintagsfliege des Tages: Nummer 44

schnecke_8Solange Frau Mauz so viel Zeit hat, wie es momentan der Fall ist, wird sie von nun an wieder regelmäßig eine eintagsfliege ihrer Wahl überarbeiten und als eintagsfliege des Tages veröffentlichen.
Aufmerksame Leser erkennen schon an der Nummerierung, ob sich etwas an der aktuellen Ausgabe geändert hat, alle anderen müssen eben einmal mehr klicken und sich einlesen …
Heute war die 44. eintagsfliege an der Reihe.

Achtung, fertig, los!

Leonie saß am Boden, zwischen farbigem, feuchtem Laub und tropfnassen Ästen. Sie trug einen roten Regenmantel, leuchtend grüne Gummistiefel und einen gelben Regenhut. Es war zwar nicht mehr nötig, diesen auf dem Kopf zu lassen, aber irgendwie mochte sie ihn, den hatte ihr die Mama zum Schulanfang geschenkt und seitdem rannte sie fast ständig damit herum.

„Die Läufer warten aufgeregt auf den Startpfiff, sie scharren schon mit den Hufen“, wiederholte sie die Worte, die sie gestern in der Fernsehübertragung mehrfach gehört hatte.
„Achtung, fertig, los!“- das war das Startkommando, das ihre Freundin Susi sonst immer gab.
Leonie riss den schmalen Stock nach oben, der ihr als Startmarkierung diente und begann zu johlen: Auf, auf, lauf schneller Nummer Eins! Was ist denn mit dir los: Hast du das Zeichen nicht gehört? Ich habe doch `Achtung, fertig, los!‘ gerufen!
Keine der Schnecken bewegte sich. Weder die erste in der Linie, noch die beiden anderen daneben. Sie steckten noch nicht einmal ihren Kopf aus den Häusern.

Leonie hob die Erstbeste davon hoch und setzte sie zehn Zentimeter vor die anderen: „Nummer Eins führt, sie ist kurz davor, zu gewinnen.“ Das stimmte zwar nicht, denn sie hatte selbstständig noch keinen Millimeter zurückgelegt, aber das war Leonie egal. Sie wedelte wild mit einem Salatblatt in der Luft herum, das sie bei der Oma aus dem Kühlschrank geklaut hatte und rückte unauffällig die Ziellinie direkt vor die führende Schnecke.
Nichts passierte, auch nicht, als sie den Salat vor das dumme Tier legte: „Ach Mensch, ihr seid echt blöd!“, stöhnte sie genervt und verdrehte dabei die Augen. „Ich dachte, ihr seid Rennläufer, so wie die gestern!“

Ihre Oma Frida, die Mutter ihres Vaters, hatte mit Leonie am Vortag den Leichtathletikwettbewerb angeschaut. Leonie und sie hatten dabei viel gelacht und die Läufer angefeuert, die ihnen am besten gefallen hatten. Oft waren sie am Ende dann ganz hinten, aber das war ja egal. Es ging um den Spaß, den sie dabei hatten.
Deshalb hob Leonie nun die hässlichste und zugleich hinterste Schnecke hoch und trug sie über die Ziellinie. Sie jubelte, applaudierte und überreichte ihr die Goldmedaille – das Salatblatt -, indem sie die Schnecke darauf setzte.

„Ich wusste, dass die gewinnt. Ich habe all mein Geld darauf gesetzt!“ – Das war der Opa, der plötzlich neben Leonie aufragte, wie ein stiller Baum, und ihre die Hand entgegendstreckte.
„Na komm, du süße Regenratte, wir müssen reingehen. Deine Mutter hat gerade angerufen: Sie und Thorsten holen dich gleich ab. Der Abend im Theater war anscheinend schön, sie klang sehr vergnügt.“
Leonie schob schmollend ihre Unterlippe nach vorne: „Ich will noch nicht heim! Bei euch ist es sooooo schön!“
Opa Erwin lachte laut und herzhaft auf: „Jaja, ich weiß schon: Bei uns darfst du länger wach bleiben und mehr Süßigkeiten essen. Und wie ich Caro kenne, darfst du bei ihr auch nicht fernsehen, oder?“

Leonie schüttelte ihre wilde Lockenmähne, die in den letzten zwei Monaten ein gutes Stück gewachsen war: „Alle aus meiner Klasse sehen fern, nur ich nicht!“, jammerte sie, weil sie das Gefühl hatte, der Opa würde dann Mitleid mit ihr bekommen und sie eine Nacht länger bei sich aufnehmen. Aber der schüttelte schmunzelnd den Kopf: „Tut mir leid, meine Kleine, dabei kann ich dir nicht helfen. Das musst du mit deinen Eltern klären. – Und jetzt komm: Auf die Plätze, fertig, los! …“ Erwin griff Leonie an ihrem kleinen, dünnen Ärmchen und zog sie nach oben. Sie begann sich sofort, dagegen zu wehren und hielt sich heulend den Arm an der Stelle, wo der Opa sie angefasst hatte.
„Gut, dann bleib hier! Aber beschwer dich nachher nicht, wenn deine Mama mit dir schimpft, weil du total schmutzig bist!“ Der Opa drehte sich um und trat den Rückweg an, Leonie sah an sich hinunter und betrachtete die braunen Punkte auf ihrer Hose und den Schuhen. Sie schaute noch einmal zu ihren Schnecken: Die Letzte , die Erste wurde, hatte ihren Kopf tatsächlich aus dem Haus geschoben und schon eine kleine Schleimspur auf dem Salatblatt hinterlassen. – Also hatte doch die Richtige gewonnen!
Leonie holte tief Luft, winkte der Siegerschnecke zu und folgte dann ihrem Opa ins Haus.

 

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Spring! (Video)

Clown_smallEndlich ist es so weit: Frau Mauz hat es geschafft und eine weitere eintagsfliege zu einem Video verarbeitet. Natürlich in gewohnt schlechter Bildqualität und verschönert durch ein paar selbst gemalte Bildchen, die an einem anderen Ort, in einem anderen Rahmen, von geschulten Fachpersonal ganz anders interpretiert werden als hier.
Frau Mauz‘ selbst erdachte Beschreibung dafür lautet: Naive Kunst!

Viel Spaß damit!

Spring! from Sabine Mauz on Vimeo.

Die Gedanken sind frei … (Video)

BrillenMan kann NIE wissen, was in dem Kopf eines anderen Menschen vorgeht.
Egal, wie gut die eigene Beobachtungsgabe und Menschenkenntnis sind, letzten Endes weiß nur jeder selbst, wieso er was wie macht und wie er etwas meint!

Bei dem folgenden Video sind mal wieder alle Gedanken frei …

 

Die Gedanken sind frei …. from Sabine Mauz on Vimeo.

Die 189. eintagfliege: „Meins!“

cropped-eintagsfliegens1_backcover_cover_600.pngZur Feier des regnerischen Tages, hat Frau Mauz doch mal wieder einer ihrer Eintagsfliegentexte überarbeitet. Wenn sie schon nicht alle in einem eigenen Heft landen können, so darf sich wenigstens ab und zu hier eine Figur aus Frau Mauz fiktivem Freundeskreis zu Wort melden.
Heute ist Leonie an der Reihe. Sie befindet sich gerade mit ihrer Mutter bei einer befreundeten Familie und „durfte“ bereits geraume Zeit mit den beiden Söhnen von Frau Reichmann spielen. Die beiden älteren Jungs hatten allerdings bislang nichts Besseres zu tun, als das Mädchen zu ärgern und zu verunsichern …

Meins!

„Gib das her, das ist meins!“, schrie Leonie empört, als Caspar ihr das Schokoladenbonbon wegnahm, das sie sich kurz davor aus der Süßigkeitenschale von Frau Reichmann ausgesucht hatte. Die Mutter der beiden Jungs hatte dafür extra an die Türe der Kinder geklopft und dann jedem von ihnen die Möglichkeit gegeben, sich für zwei Kleinigkeiten zu entscheiden.
Während Leonie den Schokoladenkeks gegessen und genüsslich die weiche Kakaocreme von dem goldenen Boden geleckt hatte, hatte Caspar zunächst unbemerkt das zweite, neben dem Mädchen liegende Geschenk geklaut und es dann, triumphierend lachend, vor Leonies Augen hin und her geschwenkt.

„Jetzt ist es meins!“, war alles, was er nun, frech grinsend auf ihr Geschrei erwiderte, währenddessen trennte er sehr bedächtig das Schokoladenbonbon von der Plastikhülle und schob es sich in den Mund. Leonie schaute ihm ungläubig dabei zu, dann stand sie auf, ging zu der Zimmertüre, drückte den kalten, weißen Plastikgriff hinunter und verließ das Raum. Sie wanderte durch den dunklen, schlecht beleuchteten Flur bis zur Küche, wo sie die Stimmen ihrer Mutter und deren Freundin hörte.
„Mama? Ich will gehen!“, erklärte sie laut und sehr bestimmt, als sie den Türrahmen erreichte. „Niklas und Caspar waren gemein zu mir. Sie haben mir mein Bonbon geklaut!“
Nun liefen ihr doch Tränen über das Gesicht, ihre Aussprache wurde immer undeutlicher und gepresster. Caro stand auf, nahm ihre Tochter tröstend in den Arm und fuhr ihr zärtlich über den Rücken.
„Das tut mir leid, Leonie!“, erklang nun Frau Reichmanns warme, freundliche Stimme. „Sie sind manchmal echt fiese, kleine Frechdachse. Und sie lieben es, andere Kinder zu ärgern. Du darfst dir gerne noch einmal etwas Neues aus der Schale nehmen!“ Noch während der Satz im Raum verklang, tauchte die Süßigkeitenschale neben Leonie auf und wartete darauf, von dieser beachtet zu werden. Da das Mädchen nach wir vor den Kopf in der Armbeuge der Mutter verbarg, schob Caro es ein Stück von sich weg. „Da, schau, alles halb so schlimm! Den beiden ist wahrscheinlich nur ein wenig langweilig!“, versuchte sie nun die Situation zu entschärfen.
Leonie schüttelte den Kopf. „Ich will gehen, Mama. Ich mag es nicht, wenn sie gemein zu mir sind!“
Gerne hätte die Siebenjährige ihrer Mutter erzählt, was Niklas über menschliche Monster, über sie und Frau Reichmann gesagt hatte, aber Leonie wusste, dass man ihr nicht glauben würde. Wahrscheinlich würden Caspar und Niklas behaupten, sie habe sich das alles nur ausgedacht. Die Jungs waren zu zweit, Leonie allein …

„Ich will gehen!“, wiederholte sie deshalb ein weiteres Mal ihre Bitte und verschränkte trotzig die Arme vor der Brust.
Caro seufzte tief und schwer und schaute bedauernd ihre Freundin an. „Es tut mir leid, Jenny, aber ich habe Leonie versprochen, mehr Rücksicht auf sie zu nehmen. Wenn sie heim will, werden wir jetzt fahren. Ich rufe dich an, wenn wir Zuhause sind.“
Ihr Blick wanderte über den Küchentisch, auf dem zwei Kuchenstücke vom Konditor und zwei sehr aromatisch duftende Tassen Kaffee darauf warteten, von ihnen verzehrt zu werden. „Schade um deine Mühe und den leckeren Kuchen!“, betrauerte sie weiter den frühzeitigen Aufbruch.
Jennifer Reichmann wischte die Bemerkung mit einer abwinkenden Geste aus dem Raum. „Halb so schlimm, der Kuchen kommt schon weg! Und der Kaffee war nur ein Knopfdruck an meiner neuen Maschine.“ Sie deutete nun zum wiederholten Mal an diesem Nachmittag stolz auf den neuen, total überteuerten Luxuskaffeeautomaten, den sie Caro gleich zu Beginn des Besuchs präsentiert hatte. „Du bekommst beim nächsten Mal wieder einen, dann weiß ich sicher auch schon, wie man Cappuccino macht!“, erklärte sie nun Augen zwinkernd.
Leonie schüttelte ungewollt ihre schulterlange Löwenmähne. Sie fand die Mutter von Niklas und Caspar wirklich sehr nett und verstand nicht, wieso Niklas behauptete, diese Frau würde ihren Kindern und Freunden gerne gemeine Sachen sagen, damit diese sich schlecht fühlten. Das hatte sie noch nie bei Frau Reichmann erlebt …
„Gut, dann machen wir das so. Ich komme das nächste Mal einfach ohne Leonie – wie wäre es mit nächsten Samstag? Da habe ich kinderfrei!“
Jennifer Reichmann tänzelte geschwind zu ihrem Wandkalender, warf einen prüfenden Blick darauf und nickte zufrieden. „Das passt mir gut. Dann machen wir alles wie heute, nur ohne Leonie …“

Für alle, die es interessiert, welche Konsequenz diese Geschichte hat, gibt es einen Link zu dem entsprechenden Beitrag: „Meine Mama liebt mich!“

‚NatAlina Metternich’s eintagsfliegen

kopf_taschenWer Frau Mauz‘ eintagsfliegen Volume 1.S. kennt auch schon Alina und Natascha, zwei sehr unterschiedliche Frauen und Freundinnen Mitte Dreißig.
Um diese beiden Charaktere dreht sich die eintagsfliegenreihe ‚NatAlina Metternich‚. Den Nachnamen verdanken sie Michael Metternich, dem dritten Freund in diesem Bunde.

In diesem Artikel wird künftig immer die eintagsfliege zu finden sein, die von Frau Mauz zuletzt überarbeitet wurde …

Im Affekt

„Mann tötet Ehefrau während eines Streits im Affekt: Herr M. stach seiner Gattin mehrfach in den Bauch, nachdem sie ihn zuvor immer wieder als unfähigen Vollidioten mit Alkoholproblem bezeichnet hatte.
Nachdem er sich Ewigkeiten nicht gegen die Beschimpfungen seiner Frau gewehrt hatte, sei ihm das Messer in seiner Hand einfach irgendwann doch noch ausgerutscht. Zuvor habe er eine ganze Weile versucht, trotz ihrer durchgängig nervenden Quitschestimme weiter das Abendessen für sich und sie zuzubereiten, als er es nicht mehr ertragen konnte, sei er mit dem Gemüsemesser auf sie losgegangen …“

Natascha las ihrer Topfpflanze die Anzeige aus dem Düsseldorfer Wochenblatt vor und zog sie bereits währenddessen durch ihre Art, die Sätze zu betonen, ins Lächerliche, dann hielt sie inne und zerknüllte das Papier. „So einen Schwachsinn habe ich schon ewig nicht mehr gehört:Wie bitte schön ist es möglich, nach einer so langen Zeitspanne des Zuhörens im Affekt zu handeln? Er hat sich ihr Gekeife Ewigkeiten gefallen lassen, dann ist das doch kein Affekt mehr! Im Affekt bedeutet, dass man keine Zeit hatte, sich der Konsequenzen einer Handlung bewusst zu werden. Man handelt spontan, vollkommen ohne Hirn!“
Die Pflanze schwieg, starrte weiterhin aus dem Fenster und tat so, als wäre Natascha gar nicht da.
„Weißt du, wie gerne ich Alina im Affekt den Hals umgedreht hätte, als sie mir erklärte, dass sie mich absichtlich mit Frank zusammen gebracht hat, damit ich ihre Party nicht sprenge? Ich war kurz davor, sie zu erwürgen, aber ich habe es nicht getan, obwohl ich stinksauer und zutiefst verletzt war … Dieser Mann hier wusste schon wesentlich länger als ich, wie schrecklich nervig seine Frau ist und was sie von ihm hält, trotzdem wollte er angeblich noch für sie beide ein Essen zubereiten, daran glaube ich nicht! – Ich meine, ich habe mich auch nicht mehr bei Frank gemeldet, nachdem mir Alina ihr Verbrechen gebeichtet hat und das obwohl er mehrfach bei mir anrief. Ich lasse mir so etwas nicht gefallen! Und wieso dieser Mann sich angeblich von seiner Ehefrau solch einen Terror gefallen ließ, verstehe ich auch nicht. Ich glaube nicht, dass sie ihn beschimpft hat. Ich glaube auch nicht, dass er sie im Affekt getötet hat. Ich glaube, dass er sie loswerden wollte und diese Geschichte nur deshalb erfunden hat, damit er nicht so hart bestraft wird – im Affekt, dass ich nicht lache!“
Natascha tat so, als würde sie tatsächlich lachen, aber mehr als ein verbittertes Gackern bekam sie nicht heraus. – Nein, sie wollte nicht mit ihrer Pflanze über solche Themen diskutieren, aber wer blieb ihr denn noch? Alina hatte sie verraten, Michael reiste quer durch die Welt und schickte ihr ab und zu einen blöden Begriff, um sie bei Laune zu halten und Frank war ein unglaublich mieser Machomann, der nichts Besseres zu tun hatte, als wildfremden Frauen unberechtigt Hoffnungen zu machen. Das war doch zum Kotzen! Und über ihre Mutter und ihre restliche Verwandtschaft wollte Natascha nicht einmal mehr nachdenken, die waren einfach nur zum Kotzen! Sie konnte ihnen nichts recht machen, egal, was sie versuchte.

Während sie über ihr trauriges Leben sinnierte, klingelte Nataschas Handy. Sie griff danach und drückte auf die grüne Hörertaste. Ohne auf die Nummer des Anrufers zu achten, blökte sie ein aggressives: „Ja, was gibt’s?“ in den Lautsprecher und wartete auf Antwort.
„Hallo Natascha? Das ist ja schön, dass du endlich ans Telefon gehst. Hier ist Frank. Ich muss unbedingt mit dir reden!“ Einen Moment war sie versucht, sofort wieder aufzulegen, aber wieso sollte sie?! Endlich konnte sie ihn anschreien und ihm all die Sachen an den Kopf werfen, die sie sich in den letzten Wochen immer wieder gedacht hatte …
Während Natascha für ihre Hassrede noch einmal tief Luft holte, sprach der Mann am anderen Ende weiter: „Alina hat mir gebeichtet, welchen Schwachsinn sie dir erzählt hat. Das stimmt alles gar nicht, sie ist doch nur eifersüchtig auf dich und mich!“
Natascha zögerte. Wieso sollte sie ausgerechnet diesem fremden Menschen trauen? Alle anderen, die sie zu kennen glaubte, hatten sie auch getäuscht! – Vielleicht gerade deshalb!, flüsterte ihr die eigene, innere Stimme zu. Vielleicht ist er anders!
„Können wir uns treffen? Ich will das klären!“
Natascha schwankte. Es klang so, als wäre Frank das wirklich wichtig … „Okay, dann aber sofort!“
Am anderen war ein überraschtes Lachen zu hören, dann eine kurze Pause. „Gut, ich komme zu dir. Ich brauche zwanzig Minuten, dann bin ich da!“

 

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Rosa von Thelen

Der Fortschritt ihrer Geschichten wurde hier bislang kaum beachtet, deshalb bekommt Rosa von Thelen nun noch mal einen neuen Blogeintrag:

Frau Mauz hat es geschafft und sämtliche eintagsfliegen dieses Charakters überarbeitet – sie wurden zwar nicht zehn mal korrigiert, aber immerhin einmal und das gründlich. Das heißt, man kann nun die ganze Rosareihe lesen, WENN man Spaß daran hat.
Momentan befinden sich sowohl die einzelnen Geschichten, als auch die ganze Sammlung als .pdfs auf Rosas Seite. Das wird sich sicher bald ändern.

MERRY CHRISTMAS!

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Die 205. eintagsfliege: „Minutenweise“

Happy_family?Die folgende Geschichte ist eine der letzten von Frau Mauz‘ eintagsfliegen.
Sie handelt von der Ergotherapeutin Hannah Hermann, die unter anderem auch in der „Denkfehlerkette“ auftaucht.
Hier und heute befasst sie sich ganz privat mit ihren eigenen Sorgen und Grenzen …

Minutenweise

Ich reise durch die Welt – minutenweise,
stelle mich vor die Bahn,
direkt auf die Gleise.
Vergesse in meinem Wahn,
wem ich dadurch was entreiße …

Hannah Hermann schlug den Gedichtband des unbekannten Autoren zu. Sie hatte den Mann namens Alex Adieu auf der Bahnfahrt von Thorben zurück nach Hause, zu ihren Eltern, kennengelernt. Er hatte ihr sein Werk zum Abschied geschenkt und sie hatte es, geehrt lächelnd dankend angenommen. Das ist echt sch…, dachte sie und grinste schief, als ihr klar wurde, dass sich ihr Urteil auf das schlechte Gedicht des selbstmordgefährdeten Bubis reimte.

Ich bin diese zwanghafte, kranke Geisteshaltung, anderen immer und überall helfen zu wollen, anscheinend endgültig los. Das ist doch toll!, lobte sich Hannah selbst und steckte das frisch gedruckte Werk in den Mülleimer neben ihrem Schreibtisch. Aber was ist, wenn jemand mit meinen Geschichten genauso umgeht? Wenn er sie genauso schrecklich findet wie ich die von diesem Alex?
Ein Schreck durchzuckte ihren Körper, ließ ihre Hand ganz automatisch in Richtung Papiereimer wandern, dann schüttelte sie energisch den Kopf: Es wird ganz gewiss viele Menschen geben, die meine Texte genauso behandeln, das kann ich nicht ändern! Alex gab sein Bestes und für mich war es nicht gut genug. Ich gab wiederum mein Bestes, das für viele, fachlich versierte und literarisch Interessierte auch nicht gut genug sein wird.
Ich schreibe Alltagsgeschichten für Alltagsmenschen – Momentaufnahmen -, deshalb heißen sie so. Und natürlich werde ich damit nicht die Ansprüche hoch intellektueller Literaturwissenschaftler befriedigen.
Ich bin nicht dumm, aber eben auch nicht hochbegabt. Ich kann gewisse Gedankengänge anderer Personen nachvollziehen, aber ganz bestimmt nicht alle. Es dauerte lange, bis ich mir das eingestehen konnte – wer befasst sich schon gerne mit den Grenzen seines Geistes -, aber in der Zwischenzeit bekomme ich es hin …

Hannah fiel in diesem Zusammenhang wieder ihr nächtliches Liebeswerk ein, das sie vor zwei Tagen verfasst hatte. Sie seuftze wehmütig – ja, es gab noch andere Grenzen, mit denen man sich nicht gerne konfrontierte, die sich aber dennoch nicht vermeiden ließen.
Der nahezu fremde Alex-Künstler hatte sich wahrscheinlich genauso dumm und hoffnungslos in sie verliebt, wie Hannah in den desinteressierten Sebastianmann. Auch sie hatte ihm eine Ausgabe ihres ersten, eigenen Werkes geschickt, das er wahrscheinlich ähnlich lieblos entsorgt hatte wie Hannah gerade das ihres Verehrers.
Tja, so ist das Leben nun mal: Man bekommt nie das, wovon man träumt. Wahrscheinlich deshalb, weil wir auf diese Weise weiterhin sehnsuchtsvolle Geschichten für andere Menschen schreiben und mit diesen deren Leid teilen können. – So findet mein Mitleid also einen neuen Platz, wo ich ihm freien Lauf lassen kann, überlegte Hannah und grinste selbstironisch.
Trotzdem wünsche ich mir, dass eines Tages doch noch ein Wunder geschieht und zwei Seelen, die sich nacheinander sehnen und sich gegenseitig erkennen zum richtigen Zeitpunkt aufeinander treffen. – Wie war das bei Paulo Coelhos „Brida“ noch mal? Hatte er in diesem Roman nicht von mehreren platonischen Hälften gesprochen, die zueinander finden konnten? Selbst wenn Sebastian eine davon war und nichts davon wusste, gab es nach wie vor Hoffnung, eine weitere zu finden. Es würde eben nur noch länger dauern …
Ich brauche also nur etwas mehr Geduld, beschloss Hannah seufzend und versuchte Kraft aus diesem Gedanken zu gewinnen. Vielleicht sollte ich mir zur Überbrückung dieser emotionalen Dürreperiode einfach „Brida“ und „der Alchemist“ ein weiteres Mal zu Gemüte führen. Und: „Siddharta“, und: „Die Kunst des Liebens“, und: „Vom Haben zum Sein“, und: „Die Kunst des Bogenschießens“, und … – ihr fiel nichts mehr ein, aber würde sie darüber nachde…- „Ich bin viele!“, füllte ihr Hirn die kleine Lücke. – Aber das liegt in der alten Wohnung …, dann muss ich dort wohl bald wieder hin … Und vielleicht dieses Mal, wenn Thorben dort ist. Wir haben leider doch noch einiges zu klären … Sie stöhnte laut auf, aber ja: wahrscheinlich habe ich wirklich erst eine Chance auf eine neue Liebe, wenn die alte Geschichte endgültig abgeschlossen ist …!

Die 19. eintagsfliege: „Sensationell!“

Da es wohl noch lange dauern wird, bis das Eintagsfliegenheft Volume 2.S erscheint, veröffentlicht Frau Mauz hier und heute wenigstens schon mal eine Geschichte daraus.
Es geht darin um die Kunst, als darstellender Künstler jeden Tag von Neuem auf der Bühne zu stehen und Spaß an dem zu haben, was er / sie da oben tut. Viel Spaß mit:

Sensationell!

„Und, wie fandest du meinen Auftritt heute?“, wollte Ingo von seiner langjährigen Freundin Julia wissen. Diese verzog den Mund zu einer Schnute und kratzte sich mit ihrer rechten Hand am Kopf:

„Du weißt doch, ich finde immer alles toll, was du machst!“, erwiderte sie nach einer etwas zu langen Pause, um noch überzeugend zu klingen.

Ingo schnitt eine Grimasse: „Ich weiß schon, an manchen Stellen zog es sich ein wenig in die Länge. Ich bin einfach nicht mehr so motiviert wie früher …!“

Julia schüttelte ihre graublonden Locken in stillem Protest, nach kurzem Zögern überwand sie sich, das auszusprechen, was ihr auf dem Herzen lag:
„Ganz ehrlich? Früher fand ich dich unglaublich, sensationell! Ingo, du hast geradezu gesprüht vor Freude am Spielen, hattest kein Problem damit, in unerwarteten Situationen zu improvisieren … Ich weiß nicht, aber irgendwie fehlt mir das jetzt ein wenig. Du hast alles so genau auf den Punkt gebracht …“ – Julia fand irgendwie nicht die richtigen Worte, um das auszudrücken, worum es ihr ging: Sie vermisste bei Ingos Spiel dessen Persönlichkeit, seine kleinen Kommentare zu den Dingen, die er gerade tat …- „Du bist einfach zu perfekt! Anders kann ich es nicht formulieren.“

Ingo räusperte ungläubig: „Wie bitte? Ich soll zu perfekt sein? Ich habe heute so viele Fehler gemacht wie in den letzten zwei Wochen zusammen! Da war der mehrmalige Verlust des Balles bei meiner Jonglage, die falsche Fußhaltung, als ich… – „Ach, Ingo, lass es gut sein! Hör auf, dich immer wieder selbst zu zerfleischen! Ich finde es nach wie vor unglaublich spannend, dir bei deinen Auftritten zuzusehen!“, fiel ihm der Techniker Marcus ins Wort, der in diesem Moment neben die beiden Freunde trat. „Ich wollte dir gerade sagen, dass es für mich immer wieder eine Ehre ist, dein Licht und deinen Ton zu fahren! Es ist der pure Genuss!“

„Tja, so unterschiedlich ist die Wahrnehmung!“, flüsterte Julia Ingo ins Ohr und zwinkerte ihm verschwörerisch zu, woraufhin dieser lachen musste: „Ja, da hast du Recht: Die einen wollen mehr Improvisation von mir sehen, für die anderen ist es toll, wenn ich alles genau time …“

„Und wie war es für dich? Was hat dir nicht gefallen?“, wollte Julia wissen und vergaß dabei, dass Ingo bereits eine detaillierte Aufzählung begonnen hatte.

„Wie schon gesagt: …“, betonte er ihren Fauxpas verächtlich: „Ich hätte mehr Konzentration von mir erwartet. Es kann nicht sein, dass ein solch alter Hase wie ich diese dummen Fehler macht!“

Julia lächelte unsicher: „Du bist und bleibst mein Liebling auf der Bühne. Ich würde mir deine Show immer und immer wieder ansehen, auch wenn du tausend solcher Fehler machen würdest. Ich hoffe nur, dass es dir selbst noch Spaß macht, die vielen verschiedenen Rollen zu spielen. Ist es nicht furchtbar einsam da oben?“

Ingo zuckte mit den Achseln: „Mir ist es lieber, ich bin direkt alleine, statt spontan ohne Kollege da zu stehen, weil dieser kurzfristig mal wieder ein anderes Engagement angenommen hat. Ich mache das Beste aus meiner Situation …“

Julia seufzte schwer: „Das stimmt. Auf unzuverlässige Freunde und Kollegen kann man echt verzichten! Also gut, dass du keine hast. Dann lasst uns jetzt endlich auf diesen wunderbaren Abend anstoßen: Das Haus war voll und das Publikum begeistert. Das ist es, was letzten Ende zählt! Morgen steht bestimmt in der Zeitung, dass du super warst, ach, was: Sensationell!“

Sie drehte sich zu dem Kellner um, der bereits begonnen hatte, die frei gewordenen Tische abzuräumen und für den nächsten Tag vorzubereiten: „Bedienung? Können wir bitte drei Gläser Sekt haben? Wir haben was zu feiern!“
Der junge Mann starrte Julia finster an, nickte wenig begeistert, holte tief Luft und bewegte sich kurz darauf ganz gemächlich in Richtung Theke.

Die 195. eintagsfliege: „Meine Mama liebt mich!“

Die Hitze macht es möglich: Bevor Frau Mauz überarbeitet ihre Geschichten und teilt diese mit ihren virtuellen Freunden.
Da Leonie und Caro hier bereits bekannt sind und diese Frau Mauz zur Zeit besonders am Herzen, gibt es heute eine weitere Fortsetzung der beiden.
Zwischen dieser und der letzten Folge ist einiges passiert, was vielleicht eines Tages in den Heften der Frau Mauz nachzulesen sein wird. Die Geschichte kann aber auch einfach für sich stehen und sprechen …

Meine Mama liebt mich!

Meine Mama liebt mich!, dachte Leonie glücklich, als sie von ihrer Mutter Caro einen dicken Gute-Nacht-Kuss auf die Stirn gedrückt bekam.

„Schlaf gut, mein Liebling!“, wünschte diese ihrer Tochter zum Abschied, steckte das Nachtlicht in die Steckdose und verließ dann leise den Raum. Leonie hörte ihr dabei zu. Sie genoss die sanften Schritten, den schweren Atem, das vorsichtige Verschließen der Türe …

Meine Mama liebt mich wirklich!
Leonies Herz pochte laut und aufgeregt, obwohl es für sie doch schon längst Zeit zum Schlafen war. Jedenfalls hatte dies ihre Mutter behauptet, obwohl es draußen noch hell war …

Hätte ich nur die Uhr schon richtig gelernt, schoss es der Siebenjährigen durch den Kopf. Irgendwie war ihr das Lesen der zwei Zeiger auf dem runden Ziffernblatt bis jetzt noch nicht so wichtig vorgekommen. Erst heute verstand sie den Sinn davon: Sie hatte das erste Mal in ihrem Leben das Gefühl, dass es noch gar nicht Schlafenszeit war. Sie wäre gerne noch eine Weile bei ihrer Mutter vor dem Fernseher sitzen geblieben.

Im Flur klingelte das Telefon. Leonie hörte die schnellen Schritte ihrer Mutter, die flüsternde Stimme, das Schließen der Wohnzimmertüre, dann war es wieder still.

Ob das die Mutter von Niklas und Caspar ist?

Leonies Mama hatte mit dieser seltsamen Frau doch nicht mehr telefoniert, obwohl sie es ihr beim Abschied versprochen hatte. Aber vielleicht hatte sie das nur deshalb nicht getan, weil sie Leonie beruhigen wollte? So, wie ihr die Mutter auf der Fahrt nach Hause immer wieder versichert hatte, wie gut sie es fände, dass Leonie sich gegen diese „kleinen Ganoven“ gewehrt hatte, sich nicht „einfach so“ von ihnen beklauen ließ … – Was hatte Niklas gesagt: Die Farbe von ihrer Mutter sei gelb? Caro sei ein Mensch, der sich gerne auf der Sonnenseite des Lebens bewege und anderen das Licht klaue …?

Mama klaut mir kein Licht! Leonie verschränkte in der einsamen Dunkelheit ihres Zimmers die Arme vor ihrer Brust: Meine Mama liebt mich!

Obwohl Leonie sich das nun schon die ganze Zeit einredete, konnte sie den bösen Abschied von Frau Jennifer Reichmann nicht vergessen:

Alles klang bei dieser Frau so, als sei Leonie schuld daran, dass sie mit ihrer liebsten Freundin Caro nicht in Ruhe Kaffee trinken konnte. Es klang so, als würde beim nächsten Mal alles besser werden, wenn Leonie nicht dabei war …

Zweifel nagten an dem Mädchen: Vielleicht hatte ihre Mama sie mit dem Lob nur angelogen und war in Wirklichkeit auch froh, wenn sie das nächste Mal ohne ihre Tochter zu Frau Reichmann gehen konnte …

Wenn Mama nur wüsste, was Niklas über sie gesagt hat. Das war bestimmt die Idee seiner Mutter …- Aber konnte das wirklich sein? Er hatte doch auch über seine eigene Mutter geschimpft und diese als blau bezeichnet. Sie sei wie ein verträumte Wolke …

Leonie hatte nicht verstanden, wieso Niklas die Menschen als Monster bezeichnete, aber sie hatte sehr wohl verstanden, dass der vierzehnjährige Junge einen guten Blick für die Eigenheiten der Erwachsenen und anderen Kinder hatte. Sein Urteil über Leonies Mutter klang nicht wirklich gut: Sie klaue anderen Menschen das Licht … – klaut mir meine Mama mein Licht …?

Die Frage tauchte unweigerlich in Leonies Kopf auf und das, obwohl sie sich diesen Zweifel den ganzen Tag nicht erlauben wollte.

Erst jetzt, da sie wusste, dass ihre Mutter hinter ihrem Rücken telefonierte und nicht wollte, dass sie es hörte … – Wahrscheinlich entschuldigte sie sich gerade für das Verhalten ihrer Tochter …

Mama hat nicht verstanden, worum es mir bei dem Streit ging. Sie hat zwar so getan, aber wieso ich unbedingt heim gehen wollte, hat sie nicht verstanden Sie dachte, das wollte ich nur wegen des geklauten Schokobonbons, dabei war das gar nicht der Grund …

Tatsächlich hatte Leonie diesen Vorfall nur als Ausrede benutzt. Eigentlich hatte das Mädchen bereits gehen wollen, bevor sie überhaupt dort waren. Die Geschichte mit den Monstern hatte es nicht besser gemacht.

Nein, ihr Wunsch war nicht zu erklären, jedenfalls nicht so leicht. – Und Mama will es sowieso nicht wissen. Sie will einfach nur, dass ich glücklich bin, so wie sie es immer wieder sagt …

Und weil Leonies Papa schon so wenig dafür tat, wollte wenigstens sie die Wünsche ihrer Tochter „respektieren“. – Was auch immer das heißen sollte …

Leonie schloss die Augen und versuchte, den blöden Tag zu vergessen …