Endlich rund: „Hermann“

Da seit gestern die überarbeitete Version von Endlich rund … wieder online und für jeden als einsehbar ist, gibt es heute den letzten Auszug daraus.

Wer mehr Interesse an Frau Mauz‚ Vorgeschichte hat, darf sich von nun an wieder alleine durch Sabine Mauz‘ chaotisches Leben von damals kämpfen – Denk-, Schreib- und Formfehler inklusive, versprochen …

14.1.2010

Fingerübung:

Hermann

Hermann öffnete die rechte Schublade seines Eichenschreibtischs, dabei strich er sanft mit seiner faltigen Hand über das dunkle Holz. – So etwas wurde Heutzutage nicht mehr hergestellt. Alles Handarbeit. Er konnte sich noch gut daran erinnern, wie sein Vater abends daran saß und schrieb:

Alles war finster in dem kleinen Arbeitszimmer, ein kleiner Lichtkegel beleuchtete das weiße Papier und den Füller in seiner Hand, aus dem er die feinen Buchstaben zauberte.

Hermann seufzte leise. Lang war es her, dass er dieses Kunstwerk zum Abitur vermacht bekommen hatte. In der Zwischenzeit war er selbst Großvater. Aber weder sein Sohn, noch dessen Kinder interessierten sich für den Schreibtisch. Er hatte sie mehrfach gefragt, ob sie ihn haben wollten, zuletzt vor wenigen Tagen. Damals war ihm bewusst geworden, dass er ihn nicht mit in das Zimmer im Altersheim nehmen konnte.

Seine Familie wollte nichts davon hören: Einen Schreibtisch könnten sie schon gebrauchen, aber nicht so ein schweres, breites Monstrum. Sie zeigten ihm ein neues Modell von IKEA in dem dicken Katalog. Das sei ein tolles Geschenk für den Jüngsten, hieß es.

Hermann fiel wieder ein, weshalb er die Schublade geöffnet hatte: Er wollte das Geld dafür aus seiner persönlichen Kasse holen. Er griff danach. Seine Finger fühlten glatt geschliffenes Holz und ein paar lose Zettel, mehr nicht. Sie tasteten weiter, wanderten nach rechts, tiefer ins Fach hinein, aber er fand nicht, was er suchte. Hermann zog die Schublade ganz auf und schaute nach: Nichts.
Ihm wurde schwindelig. Er musste sich setzen, hielt sich dabei krampfhaft am Schreibtisch fest: Das konnte nicht sein! Er wusste ganz genau, wo sich was befand. Seit Jahren steckte der Umschlag in dem alten Terminkalender von 1996. Er hatte ihn aufbewahrt, als er in Rente ging.

Hermanns Blick wanderte suchend durch den Raum und blieb an einem Umzugskarton hängen, auf einmal sah er die Szene von gestern wieder vor sich:
Sein Sohn saß auf dem Stuhl, auf dem er jetzt saß und half beim Aufräumen, besser gesagt, beim Ausräumen. Er selbst war müde und ruhte sich in dem alten Ohrensessel am anderen Ende des Raumes aus. Er hörte nur mit halben Ohr hin, als Jörg ihn fragte: „Kann das weg?“
Er hielt etwas Blaues in der Hand, Hermann konnte nicht genau erkennen, was es war: „Ist so ein olles Teil, längst abgelaufen. Damit fängst du sowieso nichts mehr an!“
Er hatte ihm geglaubt, war zu müde, um aufzustehen und nachzusehen. Es war in die Altpapierkiste gewandert, die sein Sohn später zum Container gefahren hatte. – Das konnte nicht wahr sein: Fünfzehntausend Euro! Nein, das durfte nicht sein! Ihm wurde schlecht, er sackte in sich zusammen.

Als ihn Jörg kurze Zeit später zum Essen abholen wollte, fand er Hermann brabbelnd und jammernd im Stuhl sitzen. Er verstand nicht, worum es ging. War froh, dass der Vater bald das Zimmer im Wohnheim beziehen konnte.