Die 61. eintagsfliege: „Abschied!“

Ein neuer Tag, eine neue kurze, ernste Geschichte: Die letzte eintagsfliege aus der Buchstabenreihe A …

ABSCHIED !

Rosa betrachtete den unschuldigen, leeren Zettel vor sich. Es handelte sich dabei um eine Seite ihres Lieblingsbriefpapiers: Auf einem zartrosafarbenen Hintergrund blühten verschieden große, rosafarbene Rosen.

So hätte ihr Leben sein sollen: Voller schöner Blumen, die sich alle nach ihr und ihren Träumen richteten. Aber so würde es nie werden, das hatte Rosa in den letzten Wochen Therapie bei Frau Dr. Werner gelernt: Nichts richtete sich nach ihr, noch nicht einmal ihr eigener Körper. Stattdessen schickte er ihr Träume, die ihr Angst machten und sie mit ihren Makeln konfrontierten.

Rosa sei nicht belastbar, würde sich in Prüfungssituationen immer wieder in sich selbst zurückziehen, aus Angst davor, zu scheitern. Deshalb sei sie damals in der Abiturphase krank geworden: Ihre Versagensängste verdeckten so lange und allumfassend Rosas Hoffnungen und positiven Gedanken, bis diese nichts mehr Schönes wahrnehme. Stattdessen verstärke sich in ihr immer mehr die Sorge, dass sie nicht mehr genügend Luft zum Atmen bekäme.

Jetzt, da Rosa das wusste, ging es ihr besser, denn endlich gab es einen echten Grund dafür, dass sie so war, wie sie war. Und es war weder die Schuld ihrer Eltern, noch die ihres Bruders oder ihre eigene: Sie war wie ein windschiefer Baum, der bei zu starkem Wind ins Schwanken geriet und umknickte. Aber das machte nichts, denn dafür gab es zum Glück bei den Menschen das soziale Hilfssystem, das Rosa und alle anderen Weichlinge auffing.

Eine Träne lief über die Wange der achtunddreißigjährigen Frau: Es wurde Zeit für sie, sich von dieser Welt zu trennen. Rosa wollte nicht mehr auf Kosten der Gesellschaft und ihrer Familie leben, für einen Neuanfang war es zu spät:

Sie war verrückt, für eine normale Arbeit, eine Ehe mit Kindern oder einen andere sinnvolle Aufgabe einfach nicht zu gebrauchen. Den einzig logischen Schluss, den man nach diesem Urteil ziehen konnte, war der, dass es Zeit dafür war, die eigenen Ängsten endgültig loszuwerden. Das bedeutete Abschied:
Von diesem Leben, ihrer Mutter, Frau Doktor Werner und Dominik.

Die Tabletten dafür hatte Rosa schon lange beisammen. Man hatte ihr im Laufe der Jahre genügend Schlafmedizin verschrieben, die Schachteln lagen in ihrer Nachttischschublade und warteten darauf, dass sie den Mut fand, diese einzunehmen.

Gleich würde Rosa die armen, runden Pillen von ihrem Leid erlösen, aber zuerst musste sie ihren Brief an die Hinterbleibenden verfassen. Sie griff mutig nach ihrem pinkfarbenen Filzstift und setzte dessen faserige Spitze in die Mitte der obersten Zeile.

In großen, geschwungenen Buchstaben schrieb Rosa: Mein Abschied!, dann wanderte ihre Hand in die nächste, unsichtbare Linie:

Ihr Lieben!

Es tut mir leid, dass ich mich auf diese Weise von euch verabschieden muss, aber zu allem anderen fehlt mir der Mut. Würde ich euch noch einmal treffen oder euch von meinen Plänen erzählen, könnte ich diese nicht mehr umsetzen. Und das möchte ich unbedingt!

Es ist schlimm genug, dass ihr mich und meine Lebensunfähigkeit so lange ertragen musstet, dass ich euch so viele Sorgen bereitet habe. Ich habe viel zu lange auf eure Kosten gelebt. Das hätte ich nicht tun dürfen!

Ich bin zu schwach und zu ängstlich für die hohen Anforderungen, die ihr und diese Gesellschaft an mich stellt. Ich kann sie nicht erfüllen und darunter leide ich mehr als ihr euch vorstellen könnt. Da ich meinen Körper nicht verlassen und mir auch keine dickere Haut überziehen kann, bleibt mir nur noch eins: Abschied!

Ich beende dieses Leben vorzeitig, in der Hoffnung, dass das nächste besser wird.

Ich liebe euch und hoffe, ihr versteht diese Entscheidung. Sie hat nichts mit euch zu tun. Ich bin sehr dankbar für alles, was ihr für eure verkorkste Tochter / Schwester/ Patientin getan habt!

Für die Zukunft wünsche ich euch alles Gute!

Eure Rosa von Thelen

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