Die 189. eintagfliege: „Meins!“

cropped-eintagsfliegens1_backcover_cover_600.pngZur Feier des regnerischen Tages, hat Frau Mauz doch mal wieder einer ihrer Eintagsfliegentexte überarbeitet. Wenn sie schon nicht alle in einem eigenen Heft landen können, so darf sich wenigstens ab und zu hier eine Figur aus Frau Mauz fiktivem Freundeskreis zu Wort melden.
Heute ist Leonie an der Reihe. Sie befindet sich gerade mit ihrer Mutter bei einer befreundeten Familie und „durfte“ bereits geraume Zeit mit den beiden Söhnen von Frau Reichmann spielen. Die beiden älteren Jungs hatten allerdings bislang nichts Besseres zu tun, als das Mädchen zu ärgern und zu verunsichern …

Meins!

„Gib das her, das ist meins!“, schrie Leonie empört, als Caspar ihr das Schokoladenbonbon wegnahm, das sie sich kurz davor aus der Süßigkeitenschale von Frau Reichmann ausgesucht hatte. Die Mutter der beiden Jungs hatte dafür extra an die Türe der Kinder geklopft und dann jedem von ihnen die Möglichkeit gegeben, sich für zwei Kleinigkeiten zu entscheiden.
Während Leonie den Schokoladenkeks gegessen und genüsslich die weiche Kakaocreme von dem goldenen Boden geleckt hatte, hatte Caspar zunächst unbemerkt das zweite, neben dem Mädchen liegende Geschenk geklaut und es dann, triumphierend lachend, vor Leonies Augen hin und her geschwenkt.

„Jetzt ist es meins!“, war alles, was er nun, frech grinsend auf ihr Geschrei erwiderte, währenddessen trennte er sehr bedächtig das Schokoladenbonbon von der Plastikhülle und schob es sich in den Mund. Leonie schaute ihm ungläubig dabei zu, dann stand sie auf, ging zu der Zimmertüre, drückte den kalten, weißen Plastikgriff hinunter und verließ das Raum. Sie wanderte durch den dunklen, schlecht beleuchteten Flur bis zur Küche, wo sie die Stimmen ihrer Mutter und deren Freundin hörte.
„Mama? Ich will gehen!“, erklärte sie laut und sehr bestimmt, als sie den Türrahmen erreichte. „Niklas und Caspar waren gemein zu mir. Sie haben mir mein Bonbon geklaut!“
Nun liefen ihr doch Tränen über das Gesicht, ihre Aussprache wurde immer undeutlicher und gepresster. Caro stand auf, nahm ihre Tochter tröstend in den Arm und fuhr ihr zärtlich über den Rücken.
„Das tut mir leid, Leonie!“, erklang nun Frau Reichmanns warme, freundliche Stimme. „Sie sind manchmal echt fiese, kleine Frechdachse. Und sie lieben es, andere Kinder zu ärgern. Du darfst dir gerne noch einmal etwas Neues aus der Schale nehmen!“ Noch während der Satz im Raum verklang, tauchte die Süßigkeitenschale neben Leonie auf und wartete darauf, von dieser beachtet zu werden. Da das Mädchen nach wir vor den Kopf in der Armbeuge der Mutter verbarg, schob Caro es ein Stück von sich weg. „Da, schau, alles halb so schlimm! Den beiden ist wahrscheinlich nur ein wenig langweilig!“, versuchte sie nun die Situation zu entschärfen.
Leonie schüttelte den Kopf. „Ich will gehen, Mama. Ich mag es nicht, wenn sie gemein zu mir sind!“
Gerne hätte die Siebenjährige ihrer Mutter erzählt, was Niklas über menschliche Monster, über sie und Frau Reichmann gesagt hatte, aber Leonie wusste, dass man ihr nicht glauben würde. Wahrscheinlich würden Caspar und Niklas behaupten, sie habe sich das alles nur ausgedacht. Die Jungs waren zu zweit, Leonie allein …

„Ich will gehen!“, wiederholte sie deshalb ein weiteres Mal ihre Bitte und verschränkte trotzig die Arme vor der Brust.
Caro seufzte tief und schwer und schaute bedauernd ihre Freundin an. „Es tut mir leid, Jenny, aber ich habe Leonie versprochen, mehr Rücksicht auf sie zu nehmen. Wenn sie heim will, werden wir jetzt fahren. Ich rufe dich an, wenn wir Zuhause sind.“
Ihr Blick wanderte über den Küchentisch, auf dem zwei Kuchenstücke vom Konditor und zwei sehr aromatisch duftende Tassen Kaffee darauf warteten, von ihnen verzehrt zu werden. „Schade um deine Mühe und den leckeren Kuchen!“, betrauerte sie weiter den frühzeitigen Aufbruch.
Jennifer Reichmann wischte die Bemerkung mit einer abwinkenden Geste aus dem Raum. „Halb so schlimm, der Kuchen kommt schon weg! Und der Kaffee war nur ein Knopfdruck an meiner neuen Maschine.“ Sie deutete nun zum wiederholten Mal an diesem Nachmittag stolz auf den neuen, total überteuerten Luxuskaffeeautomaten, den sie Caro gleich zu Beginn des Besuchs präsentiert hatte. „Du bekommst beim nächsten Mal wieder einen, dann weiß ich sicher auch schon, wie man Cappuccino macht!“, erklärte sie nun Augen zwinkernd.
Leonie schüttelte ungewollt ihre schulterlange Löwenmähne. Sie fand die Mutter von Niklas und Caspar wirklich sehr nett und verstand nicht, wieso Niklas behauptete, diese Frau würde ihren Kindern und Freunden gerne gemeine Sachen sagen, damit diese sich schlecht fühlten. Das hatte sie noch nie bei Frau Reichmann erlebt …
„Gut, dann machen wir das so. Ich komme das nächste Mal einfach ohne Leonie – wie wäre es mit nächsten Samstag? Da habe ich kinderfrei!“
Jennifer Reichmann tänzelte geschwind zu ihrem Wandkalender, warf einen prüfenden Blick darauf und nickte zufrieden. „Das passt mir gut. Dann machen wir alles wie heute, nur ohne Leonie …“

Für alle, die es interessiert, welche Konsequenz diese Geschichte hat, gibt es einen Link zu dem entsprechenden Beitrag: „Meine Mama liebt mich!“

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