Die 171. eintagsfliege: „Erdlinge“

Mischpult_smallWährend die Erdlinge Weihnachten feiern, sitzt Sabine Mauz an den eintagsfliegengeschichten und überarbeitet diese nach Lust und Laune.
Nach längerem Suchen fand sie eine, die sich um ihre Kunstfigur Frau Mauz dreht.
Fühlt sich zwar seltsam an, diese hier zu veröffentlichen, aber irgendwie ist es auch Zeit dafür, einmal Frau Mauz‘ Sicht auf die Welt und ihre Mitmenschen zu schildern …

Erdlinge

Lieber Herr Maurermeister,

es tut mir leid, wenn ich Sie noch einmal belästigen muss, aber ich kann das Ende unseres Gesprächs einfach nicht so stehen lassen. Es schwirrt mir immer noch im Kopf herum, obwohl ich bereits mehrere Tage und Nächte darüber nachgedacht und geschlafen habe:

Wissen Sie, es ist nicht nur schwer für Sie, mich zu verstehen, sondern auch umgekehrt. Ich verstehe nicht, wieso Sie mir diese dummen Fragen stellen mussten, obwohl die Antworten doch so offensichtlich waren: Wer bitteschön soll die Bine_Maus denn sonst sein, wenn nicht ich?
Und wenn Sie bereits zu dieser sehr naheliegenden Erkenntnis gekommen waren, hätten Sie sich doch auch denken können, dass ich mit meiner Geschichte über dieses seltsame Wesen versucht habe, diesem den Schrecken zu nehmen.

19-Frau_Mauz_Eine_LiebesgeschichteWarum müssen Erdlinge einander immer wieder verletzen? Das verstehe ich nicht! Ich habe Sie doch auch nicht gefragt, ob Ihr Nachname etwas mit Ihrer Persönlichkeit zu tun hat. Das sehe ich auch so! Witzigerweise tragen Sie diesen wahrscheinlich schon seit Ihrer Geburt und haben sich in all den Jahren nie gefragt, was dieser mit Ihnen und Ihrem Charakter zu tun hat.
Im Gegensatz zu Ihnen habe ich mich eben mit meinem ursprünglichen Namen auseinander gesetzt und ihn dann so abgewandelt, wie es meiner Meinung nach Sinn machte. Vielleicht sollten Sie, Herr Maurermeister, das auch mal tun, dann können wir uns bei Gelegenheit ein weiteres Mal treffen und schauen, ob wir uns so besser verständigen können.
Denn: Hätten Sie mir die richtigen Fragen gestellt und dadurch mein Vertrauen gewonnen, hätte ich auch irgendwann mit Ihnen gesprochen.

Wahrscheinlich ist Ihnen das vollkommen egal, schließlich ist es Ihr Beruf, Erdlinge zu interviewen und nicht Bine Mäuse. Ich vermute mal, dass Sie das im Normalfall auch ganz gut hinbekommen, denn die meisten Menschen merken es ja nicht, wenn Sie ihnen Salz in die Wunden streuen, sie kennen ihre Wunden genauso wenig wie Sie.

Herr Maurermeister, ich wollte Sie mit meinem Weinen wirklich nicht in Verlegenheit bringen. Es überkam mich einfach so, weil Sie mich so unsensibel auf meine Schwächen angesprochen haben …

Frau Mauz hob den Blick von dem Heft, in das sie gerade schrieb und blickte in die Ferne – im Grunde genommen war es ganz egal, was sie diesem fremden Mann schrieb, denn er würde ihren Brief sowieso nie bekommen. Sie wollte einfach nur die vielen Gefühle loswerden, die sie seit der Begegnung mit ihm plagten. Er war so ein Rüpel … und zugleich unglaublich aufmerksam.
Er hatte durchaus bemerkt, dass er sie mit seinen Fragen getroffen hatte, sonst hätte er sich auf eine andere Weise von ihr verabschiedet. Er hatte ihr sogar vorgeschlagen, ihm zu schreiben, weil er von ihrer Sprachlosigkeit überfordert war – oder täuschte sie sich nur mal wieder in einem anderen Menschen? War dieser Mann auch nur ein Produkt ihrer Fantasie, für das sein Äußeres die Hülle bildete?

Freisingzwerg_2Frau Mauz‘ Augen glitten zurück auf das Papier. Sie fühlte sich lächerlich, weil sie so viele Gedanken an einen Menschen verschwendete, der aus purem Zufall vor ihrer Wohnung aufgetaucht war – weil er ihren Blog im Internet entdeckt hatte und wissen wollte, wer hinter dieser fragwürdigen Frau Mauz steckte. So hatte Herr Maurermeister sein Klingeln und die Bitte um das Interview mit ihr auf jeden Fall gerechtfertigt.
Ich hätte mich nicht darauf einlassen sollen, folgerte Frau Mauz nun und fuhr mit ihrem Schreibstift kreuz und quer über das benutzte Papier: Ein Mann, den sie nicht kannte, der womöglich sogar ein unberechenbarer Stalker war, war es nicht wert, von ihr beachtet zu werden. – Hätte er wirklich Interesse an mir und meiner Person, hätte er sich mehr bemüht, mich kennenzulernen!
Kurzentschlossen fixierte Frau Mauz mit der linken Hand das beschriftete Blatt an der Innenkante des Heftes und riss es so sauber wie möglich aus dem Heft. Danach zerteilte sie es in viele, kleine Stücke und warf diese in den Müll …

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