Die 205. eintagsfliege: „Minutenweise“

Happy_family?Die folgende Geschichte ist eine der letzten von Frau Mauz‘ eintagsfliegen.
Sie handelt von der Ergotherapeutin Hannah Hermann, die unter anderem auch in der „Denkfehlerkette“ auftaucht.
Hier und heute befasst sie sich ganz privat mit ihren eigenen Sorgen und Grenzen …

Minutenweise

Ich reise durch die Welt – minutenweise,
stelle mich vor die Bahn,
direkt auf die Gleise.
Vergesse in meinem Wahn,
wem ich dadurch was entreiße …

Hannah Hermann schlug den Gedichtband des unbekannten Autoren zu. Sie hatte den Mann namens Alex Adieu auf der Bahnfahrt von Thorben zurück nach Hause, zu ihren Eltern, kennengelernt. Er hatte ihr sein Werk zum Abschied geschenkt und sie hatte es, geehrt lächelnd dankend angenommen. Das ist echt sch…, dachte sie und grinste schief, als ihr klar wurde, dass sich ihr Urteil auf das schlechte Gedicht des selbstmordgefährdeten Bubis reimte.

Ich bin diese zwanghafte, kranke Geisteshaltung, anderen immer und überall helfen zu wollen, anscheinend endgültig los. Das ist doch toll!, lobte sich Hannah selbst und steckte das frisch gedruckte Werk in den Mülleimer neben ihrem Schreibtisch. Aber was ist, wenn jemand mit meinen Geschichten genauso umgeht? Wenn er sie genauso schrecklich findet wie ich die von diesem Alex?
Ein Schreck durchzuckte ihren Körper, ließ ihre Hand ganz automatisch in Richtung Papiereimer wandern, dann schüttelte sie energisch den Kopf: Es wird ganz gewiss viele Menschen geben, die meine Texte genauso behandeln, das kann ich nicht ändern! Alex gab sein Bestes und für mich war es nicht gut genug. Ich gab wiederum mein Bestes, das für viele, fachlich versierte und literarisch Interessierte auch nicht gut genug sein wird.
Ich schreibe Alltagsgeschichten für Alltagsmenschen – Momentaufnahmen -, deshalb heißen sie so. Und natürlich werde ich damit nicht die Ansprüche hoch intellektueller Literaturwissenschaftler befriedigen.
Ich bin nicht dumm, aber eben auch nicht hochbegabt. Ich kann gewisse Gedankengänge anderer Personen nachvollziehen, aber ganz bestimmt nicht alle. Es dauerte lange, bis ich mir das eingestehen konnte – wer befasst sich schon gerne mit den Grenzen seines Geistes -, aber in der Zwischenzeit bekomme ich es hin …

Hannah fiel in diesem Zusammenhang wieder ihr nächtliches Liebeswerk ein, das sie vor zwei Tagen verfasst hatte. Sie seuftze wehmütig – ja, es gab noch andere Grenzen, mit denen man sich nicht gerne konfrontierte, die sich aber dennoch nicht vermeiden ließen.
Der nahezu fremde Alex-Künstler hatte sich wahrscheinlich genauso dumm und hoffnungslos in sie verliebt, wie Hannah in den desinteressierten Sebastianmann. Auch sie hatte ihm eine Ausgabe ihres ersten, eigenen Werkes geschickt, das er wahrscheinlich ähnlich lieblos entsorgt hatte wie Hannah gerade das ihres Verehrers.
Tja, so ist das Leben nun mal: Man bekommt nie das, wovon man träumt. Wahrscheinlich deshalb, weil wir auf diese Weise weiterhin sehnsuchtsvolle Geschichten für andere Menschen schreiben und mit diesen deren Leid teilen können. – So findet mein Mitleid also einen neuen Platz, wo ich ihm freien Lauf lassen kann, überlegte Hannah und grinste selbstironisch.
Trotzdem wünsche ich mir, dass eines Tages doch noch ein Wunder geschieht und zwei Seelen, die sich nacheinander sehnen und sich gegenseitig erkennen zum richtigen Zeitpunkt aufeinander treffen. – Wie war das bei Paulo Coelhos „Brida“ noch mal? Hatte er in diesem Roman nicht von mehreren platonischen Hälften gesprochen, die zueinander finden konnten? Selbst wenn Sebastian eine davon war und nichts davon wusste, gab es nach wie vor Hoffnung, eine weitere zu finden. Es würde eben nur noch länger dauern …
Ich brauche also nur etwas mehr Geduld, beschloss Hannah seufzend und versuchte Kraft aus diesem Gedanken zu gewinnen. Vielleicht sollte ich mir zur Überbrückung dieser emotionalen Dürreperiode einfach „Brida“ und „der Alchemist“ ein weiteres Mal zu Gemüte führen. Und: „Siddharta“, und: „Die Kunst des Liebens“, und: „Vom Haben zum Sein“, und: „Die Kunst des Bogenschießens“, und … – ihr fiel nichts mehr ein, aber würde sie darüber nachde…- „Ich bin viele!“, füllte ihr Hirn die kleine Lücke. – Aber das liegt in der alten Wohnung …, dann muss ich dort wohl bald wieder hin … Und vielleicht dieses Mal, wenn Thorben dort ist. Wir haben leider doch noch einiges zu klären … Sie stöhnte laut auf, aber ja: wahrscheinlich habe ich wirklich erst eine Chance auf eine neue Liebe, wenn die alte Geschichte endgültig abgeschlossen ist …!

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