Die 31. eintagsfliege: „Annabell“

Sinnsuche, Liebe, Leid, Leidenschaft, Freundschaft, Nächstenliebe – viele dieser Themen beschäftigen Frau Mauz immer wieder und auf sehr unterschiedliche Weise. In Frau Mauz  31. eintagsfliege geht es um Mutterliebe.

Darum, was sich ein Kind alles von seiner Erzeugerin gefallen lässt, bevor es bereit ist, ihr den Rücken zu kehren. Und darum, wie wichtig es ist, jemanden an seiner Seite zu haben, der einem  die Kraft dafür gibt:

Annabell

Annabell war ein ein hässliches, kleines Kinderbündel, als sie auf die Welt kam, jedenfalls, wenn man ihrer Mutter Inge Glauben schenkte:

„Ich habe ihr den Namen nur deshalb gegeben, weil ich hoffte, dass er sich positiv auf ihre Entwicklung auswirken würde. Wäre es nach meinen ersten Eindruck gegangen, hätte ich sie bestimmt nicht so genannt, sondern Knautschi, Krusti oder … Schorfi – hihihihi!“

Die Geschichte von der schmerzhaften, sehr enttäuschenden Geburt erzählte Inge den neuen Freunden Annabells immer dann, wenn diese sie zum ersten Mal mit nach Hause brachte und ihren Eltern vorstellte. Und bislang hatten alle Jungs in das überzogene Lachen Inges eingestimmt, während Annabell beschämt auf den Boden starrte.

Dieses Mal war das anders:

Björn, ihr neuer Partner, lächelte Inge abfällig an und konterte gelassen: „Ich war ja nicht bei Annabells Geburt dabei, aber ich finde, jetzt könnte dieser Name nicht besser zu ihr passen.“
Er schmachtete die Frau an seiner Seite total verliebt an und begann, die Argumente für seine Aussage aufzuzählen: „Dunkle, braune Rehaugen, eine schwarzbraune Lockenpracht auf dem Kopf, ein sehnsüchtiges, geheimnisvolles Lächeln in den Mundwinkeln, eine traumhaft schöne Figur, … – tu es très belle, ma dame!“
Björn griff nach der zarten, feuchten Hand Annabells und umschloss diese schützend mit seinen warmen, weichen Fingern.

„Und das trifft nicht nur auf deinen Körper zu, sondern auch auf deine Seele …!“
Er drückte Annabells Finger fest und unterstützend, dann schaute er Inge herausfordernd in die Augen:
„Ganz im Gegensatz zu Ihnen! Ich finde es wirklich erschreckend, dass Sie bei unserem Kennenlernen nichts Besseres zu tun haben, als Ihr wundervolles Kind schlecht zu machen. Ich würde mich schämen, wenn ich es nach so vielen Jahren nach wie vor nötig hätte, meinem Besuch abgegriffene und vollkommen uninteressante Geschichten aus Annabells Kindheit zu erzählen.
Sie haben eine tolle Tochter und um ehrlich zu sein, glaube ich, das stört Sie unglaublich. Ihnen wäre es viel lieber, wenn Annabell hässlich geblieben wäre und diesen Namen als Stigma tragen müsste.“

Die Stimme des jungen Mannes wurde immer lauter. Er ließ Annabells Hand los und ging auf Inge zu, bis er direkt vor ihr stand, dann stemmte er seine Hände in die Hüfte und musterte die Frau ihm gegenüber von oben bis unten:
„Hm, also ich finde ja, dass Ihre Ohren etwas zu groß sind und zu weit abstehen, Ihre Nase ist zu klein und rund, Ihr Haar zu dünn und Ihre Lippen sind total verkrampft. Ihre Schultern sind ständig hochgezogen, Ihr Hintern ist zu groß und Ihre Brüste sind zu schlaff. Sie sind eine alte, verbrauchte Frau, die zu viel Alkohol trinkt, heimlich raucht und schon seit Jahren keinen Spaß mehr am Sex hat …“

Björn drehte sich wieder zu seiner Liebsten um und schickte dieser einen Luftkuss zu:
„Du kannst nichts für diese Mutter, meine Süße. Du kannst dir die Eltern nicht aussuchen. Aber wir können dieses Haus verlassen und bei unserem Lieblingsitaliener essen gehen. Und ich finde, das sollten wir jetzt tun!“

Annabell stiegen Tränen in die Augen, sie fühlte sich leicht und geliebt, wie noch nie zuvor in ihrem dreißigjährigen Leben. Ihr Herz flog zu ihrem Liebsten und umschloss diesen: Das ist der Mann, den ich heiraten werde!, entschied sie von einer Sekunde auf die andere.
Sie ging zu ihrem Freund, kuschelte sich an dessen starke Schulter und flüsterte: „Tschüss, Mama!“, dann eilte das Paar Hand in Hand aus dem Haus, das es nie wieder betreten wollte.

Schatten_small

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