Die 124. eintagsfliege: „Der Nussknacker“

Während Sabine Mauz vor dem Fernseher saß und jede Menge Walnüsse für die nächsten Müslis und Salate knackte, fiel ihr eine eintagsfliege ein, die sie vor einigen Monaten zu dem Buchstaben N verfasste. Allein aus diesem Grund, wird diese heute hier veröffentlicht.

Die Person, in deren Gedankenwelt wir uns darin bewegen, hat bei Frau Mauz‘ eintagsfliegen eine Vorgeschichte, die zu lang ist, um sie hier zu erzählen.
Nur so viel: Michael Metternich hat seine beste Freundin verraten, belogen und betrogen, damit diese in ihrer dadurch entstandenen Einsamkeit endlich das macht, was sie aus seiner Sicht wirklich will: Schreiben.

Besagte Freundin heißt Natascha und ist allen bekannt, die das Heft Volume 1.S gelesen haben.

Viel Spaß beim Lesen, auch wenn die Geschichte mal wieder nicht lustig ist …

Der Nussknacker

Michael Metternich betrachtete den Nussknacker, den er in Gedenken an seinen Vater auf seinem Schreibtisch stehen hatte.

Mal abgesehen von dem Geld es alten, vereinsamten Griesgrams hatte er alles weggeschmissen, das ihn an den Tyrannen seiner Kindheit erinnerte. Alles, bis auf besagten, hölzernen Freund:

Das blauweißrote Männchen mit dem harten, unnachgiebigen Gebiss hatte Michael früher immer angestarrt, wenn sein Vater mal wieder einen seiner berühmten Wutanfälle bekam.

Der Nussknacker stand dort also als Symbol für seinen Erzeuger, den großen Von Metternich, dem man das Von unverschämterweise geklaut hatte, wie dieser immer wieder behauptete. Eigentlich stünde ihrer Familie von Blutswegen das Von zu, aber irgendwann habe sich mal „ein Bastard oder so“ in ihren Adelszweig „reingemischt“.

Michael hatte diese Behauptung weder beachtet, noch überprüft, denn was nützte ihm oder dem alten Mann dieses dämliche Von, wenn man sonst nichts im Leben zustande brachte?

Und ja, genau so sah Michael das:

Sein Senior hatte bis auf das Haus über seinem Kopf, die Kinder und sein Geld nichts hinterlassen, das irgendeinen Wert für die Nachwelt hatte. Nichts! Und was die Kinder anging, so waren diese auch nichts wert!

Der Nussknacker verhöhnte Michael anstelle seines Vaters. Michael senior war nämlich vor drei Jahren gestorben und hatte seinem ältesten und einzigen Sohn alles vermacht, das er besaß. Seitdem musste Michael junior sich noch nicht einmal mehr Sorgen um seine Zukunft machen: Wenn er sich geschickt anstellte, konnte er bis zum Ende seiner Tage mit der Kohle des alten Metternichs auskommen.

In Gedenken an ihn, hatte Michael sogar wieder angefangen, ab und zu ins Casino zu gehen, denn dort hatte ihn sein Vater ab dem neunzehnten Lebensjahr immer wieder hingeschleppt:

„Damit du weißt, woher unser Geld kommt.“

Ja, Michael senior hatte tatsächlich sein gesamtes Vermögen durch Pferdewetten und Casinobesuche gewonnen und dann geschickt angelegt. So konnte er sich auch diverse Verluste leisten, die bei diesem Lebenswandel natürlich nicht ausblieben.

Michael junior hatte alles von seinem Vater gelernt, es war ein Geschäft wie jedes andere auch. Nur, dass sich in der Zwischenzeit vieles davon online abspielte, was bei seinem alten Herrn noch nicht der Fall war.

Seinen Schwestern, Agnes und Swantje, hatte Michael einen kleinen Anteil des Geldes überlassen, mit dem Kommentar: „Papa würde es so wollen“, was glatt gelogen war, denn dieser hatte in seinem Testament klargemacht, dass die „dummen Frauen“ nicht einmal den Pflichtanteil erben würden, wenn es nach ihm ginge.

Und das zurecht: Seit sie das Geld hatten, hatte Michael nichts mehr von seinen Halbschwestern gehört oder gesehen. Sie waren eben doch nur „falsche Schlangen“, so wie es sein alter Herr immer behauptet hatte:
„Ich hätte nach dem Tod deiner Mutter die Damen dieser Welt in Ruhe lassen sollen, aber du weißt ja, wie das ist: Als Mann hat man Bedürfnisse, die gestillt werden müssen. Und nur Nutten sind auf Dauer langweilig. Mit denen kann man nicht so schön Katz und Maus spielen wie mit den unschuldigen, treuen Lämmern, die es sonst so gibt …“

Michael kniff die Augen zusammen und starrte das reglose Holzmännchen an: Bin ich so wie er?, fragte er sich und seinen stummen Freund wortlos.
Der Nussknacker starrte finster zurück, so als wolle er sagen:

„Wir beide sind halbherzige Brüder, das weißt du genau: Du hast einen Bart, ich habe einen Bart. Du hast einen harten, knarrenden Kiefer, genauso wie ich. Du hast ein Herz aus Stein, ich eines aus Holz. Deine Aufgabe ist es, menschliche Nüsse zu knacken und herauszufinden, welche davon hohl sind. Meine ist es, Walnüsse und Haselnüsse zu entkernen. Wir sind eins!

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