Endlich rund: „Wie ein weißes Blatt Papier“

Da Frau Mauz bald auf ihre NRW-Minitournee geht, wird heute hier der vorerst letzte Beitrag für die nächsten zwei Wochen veröffentlicht.

Ursprünglich sollte es eine Weihnachtsfliege werden, in der Hoffnung, dass sich dadurch eine neue, möglichst bezahlte Auftrittsmöglichkeit für Frau Mauz findet, aber Geld ist nicht alles, was zählt. Um genau zu sein, zählt es gar nichts. – Ich wünschte, wir müssten nicht davon leben …

Die folgende Geschichte stammt mal wieder aus dem unfertigen Buchkonzept „Endlich rund …„:

12.2.2010

Kurzgeschichte:

Wie ein weißes Blatt Papier

Mein Herz pochte. Ich schämte mich, weil ich nach Schweiß stank.
Ob er es auch roch? Das hätte den Vorteil, dass er von sich aus verschwinden würde …
Aber nein: Er saß mir strahlend und erwartungsvoll gegenüber. Seine Finger tanzten auf dem Tisch und machten Anstalten, zu meiner Hand zu wandern. Für einen Moment hatte ich das Gefühl, sie wieder auf meiner Haut zu spüren.

Du hast es doch gemacht!“, platzte es aus mir heraus.

Was denn?“ Sein Lächeln wurde verkrampfter.

Du hast dich in mich verliebt!“

Das stimmt doch gar nicht!“ Er schaute auf seine Finger, die nun unruhig auf der Stelle trommelten.

Ach komm schon, ich merk es doch!“

Er schwieg. Dann schaute er auf, direkt in meine Augen. Das versetzte mir einen Stich:
Du hast Recht. Ich habe mich in dich verliebt. Na und? Du bist eine tolle Frau. Warum sollte ich mich nicht in dich verlieben? Gefühle kann man nicht steuern!“

Ich schluckte. Verdammt, woher kam bloß dieser Kloß in meiner Kehle? Ich nippte an meinem Kaffee:
Doch, das kann man, glaub mir! – Du hast dich in eine Idee verliebt, in ein Traumbild von mir, von uns. Das geht nur, wenn man es zulässt.“

Und was ist so schlimm daran? Du magst mich doch auch. Sonst wär das gestern nicht passiert.“

Es würde nicht gut gehen!“

Woher willst du das wissen?“

Weil es immer so läuft.“

Das stimmt doch nicht! Es gibt viele glückliche Paare. Partnerschaften, die ein Leben lang halten. Willst du aus Angst nie wieder eine Beziehung eingehen?“

Ich will zumindest jetzt keine. Nicht, solange ich keine Schutzfolie gefunden habe!“

Wie bitte? Was soll das denn sein?“

Das verstehst du nicht. Es hängt mit meiner Vorstellung von Liebe zusammen.“ Ich malte mit meinen Fingern Kreise auf die Tischdecke.

Dann erklär sie mir, noch einmal gehe ich sowieso nicht!“

Ich lächelte ihn traurig an: „Wart´s ab … : Nachdem Mark und ich getrennt waren fragte ich mich, weshalb es nicht geklappt hatte. Wir waren vernarrt ineinander. So kitschig es klingen mag: Ich konnte mir vorstellen, ihn zu heiraten. Aber irgendwann war aus unserer Liebe ein Machtkampf geworden, ein Ringen um Aufmerksamkeit und Anerkennung.
Das, was am Anfang selbstverständlich war, das Wohl des anderen, wurde von den eigenen Bedürfnissen überdeckt. Ich dachte nur noch an mich selbst, an das was ich wollte und fühlte mich missachtet, wenn er es mir nicht gab. Ihm ging es mit mir wahrscheinlich genauso.
Irgendwann fand ich ein Bild, das unsere Beziehung, aber auch die vieler anderer wiedergibt:
Am Anfang, wenn man sich kennenlernt, beginnt man eine gemeinsame Reise. Alles ist neu und unbelastet, wie ein weißes Blatt Papier. Ihm gefällt an ihr das Lächeln, ihre Art sich zu bewegen, ihr herzliches Wesen. Und sie mag seinen Humor, seine lachenden Augen und die Aufmerksamkeit, die er ihr schenkt.
Sie verlieben sich ineinander, färben das Papier gemeinsam ein, bemalen es mit Blümchen und Herzchen und all den Dingen, die ihnen aneinander gefallen. Weil sie sich kaum kennen und nicht gegenseitig verschrecken wollen, gehen sie ganz vorsichtig miteinander um. Sie stecken das Papier nach jedem Gebrauch in eine Schutzfolie, damit es nicht einreißt oder knickt.
Aber es ist unvermeidlich, dass man die Macken des anderen kennenlernt und es zu Missverständnissen kommt. Der Alltag hält Einzug und irgendwann wird es zu aufwändig, alles immer wieder in die Hülle zu stecken. Es beginnen die ersten kleinen Streitereien: Um die offene Packung Milch, die sie immer wieder in den Kühlschrank stellen muss. Um die Zeit, die er lieber mit Videospielen verbringt, statt mit ihr. Und ihn nerven ihre langweiligen Erzählungen von der Arbeit, die vielen Fragen und dass sie ständig in der Wohnung herumrennt und aufräumt.
Sie beginnen sich einander Vorwürfe zu machen und Dinge zu verschweigen. Sie keifen sich an, aber reden nie über das, was wirklich nicht stimmt. Über das, was sie wirklich gerne von dem anderen hätten.
Das bunte Papier bekommt Knicke und Risse. Man bügelt es immer wieder glatt und klebt kaputte Stellen, aber es bleiben Spuren zurück: Von Jahr zu Jahr werden es mehr Wunden und Vertrauensbrüche. Bis man an den Punkt kommt, wo es nicht mehr weiter geht. Dann steht man vor der Entscheidung: Entweder man reißt das Papier entzwei oder man versucht es mit einem Riesenpflaster zu versiegeln: Trennung oder Heirat. – Ich möchte beides nicht, zumindest nicht aus diesen Gründen.
Ich will einen Weg finden, das Papier dauerhaft zu schützen, aber ich weiß nicht wie. Ich will mich für mich allein und mit meinem Partner zusammen entwickeln. Ich will eine Beziehung, in der wir uns gegenseitig unterstützen und Mut machen. Es kann nicht sein, dass man auf Kosten des anderen Selbstbestätigung gewinnt!“

Ich war fertig, hatte all meinen Ängsten Luft gemacht. Meine Wangen glühten. – Was wollte ich damit erreichen? Wünschte ich mir, dass er ging oder dass er blieb? Wenn ich ehrlich zu mir war wollte ich, dass er mir meine Zweifel nahm. Wollte, dass er mir sagte, dass es zwischen uns nicht so laufen würde, dass das mit uns etwas ganz Besonderes sei …

Das kann ich dir nicht versprechen!“

Was?!“ Mein Herz plumpste auf den Boden.

Dass es bei uns anders wird!“

Ich versuchte meine Enttäuschung zu verstecken und warf energisch meine Haare zurück: „Wusst ich`s doch!“

Trotzdem gehe ich nicht. Wir müssen es probieren. Ich will mit dir kein einzelnes Blatt bemalen, sondern ein Buch füllen. Als ob bei dir eine Seite reichen würde!“

Er lächelte mich an: „Es gibt im Leben keine Sicherheit! Aber was ist eine Geschichte ohne Spannungsbogen?“
Er griff nach meiner Hand und löste meine verkrampften Finger von der Tischdecke, die ich komplett zerknüllt hatte:
Komm schon, sei mutig! Wir machen auf jeder Seite einen Vermerk, der uns daran erinnert, dass es die letzte werden könnte, wenn wir uns nicht anstrengen!“

Er schob meine Finger zwischen seine, dann stand er auf und zog mich zu sich. Widerstrebend folgte ich seiner stummen Aufforderung. Als ich bei ihm war, schlang er seine Arme um mich. Er strich eine Haarsträhne aus meinem Gesicht und raunte mir „lass los!“ ins Ohr.
Ich holte tief Luft, legte meinen Kopf an seine Schulter und auf einmal flossen die Tränen …

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s